Allein mit dem kurzzeitigen Schließen der Augen ist Blindheit nicht nachzuempfinden. Neben dem Verzicht auf viele Annehmlichkeiten fordern alltägliche Situationen einen höheren Aufwand an Zeit, Kraft und Geduld. Darüber hinaus gibt es Bereiche, die der Personenkreis der blinden und hochgradig Sehbehinderten nicht oder nur bedingt leisten kann.
Ein Beispiel dafür ist der Überblick. Je früher die Erblindung eintritt, umso mehr ist die Vorstellungskraft eingeschränkt. Sie kann auch in der weiteren Entwicklung nur begrenzt erworben werden. Farbensehen und anschauliche Eindrücke der Umwelt fallen gänzlich weg. Im Handeln und Erleben auf bildhafte Muster zurückgreifen zu können, erleichtert das alltägliche Leben. In vielen Situationen beschränkt sich der Blinde auf das Wesentliche. Der Blick für das Gesamtgeschehen mit seinen vielen Details ist ihm verschlossen. So kann die Angabe eines Sehenden für den Blinden nur so gut aufgenommen werden, wie sie geschildert wird. Das bedeutet für die Kontaktperson: Je präziser, ausgeschmückter und klarer der Gegenstand, Grundriss, Raum oder der Weg beschrieben wird, umso besser ist die blinde Person in der Lage, sich „ein eigenes Bild“ darüber anzufertigen.
Eine wesentliche Einschränkung erlebt der Blinde und hochgradig Sehbehinderte in seiner Mobilität. Er meistert nur die Herausforderungen in Verkehrsräumen, die er - mit Hilfe eines Trainings – erlernt. In einer fremden Umgebung ist er orientierungslos.
Einschneidend erlebt der Blinde seine Defizite in der Begegnung mit anderen Menschen. Der fehlende Blickkontakt behindert ihn sowohl bei der Auswahl ihm sympathisch erscheinender Mitmenschen als auch mit der Kontaktaufnahme zu ihnen. Somit ist der Blinde in erster Linie auf die Ansprache „von außen“ angewiesen. Weil Nichtbehinderte kaum Erfahrung im Umgang mit behinderten Menschen sammeln können und ihnen die Bedürfnisse dieses Personenkreises fremd sind, bleiben behinderte Personen oft isoliert. Diejenigen, die erste vorsichtige Schritte auf eine blinde Person gehen, tun dies mit einem Gruß. Womit der Sehende sich oft nicht beschäftigt ist die Tatsache, dass der Blinde weder weiß, dass er überhaupt gemeint ist, noch wer der freundliche Passant ist.
Ein weiteres Problem ist das Gefühl
der Abhängigkeit. In den Medien treten blinde und sehbehinderte Menschen
oft mit außergewöhnlichen Leistungen in den Mittelpunkt. In der
Öffentlichkeit wird so das einseitige Bild vermittelt, als wäre
das Sehen zu ersetzen. Unerwähnt bleibt hier oft der Beistand helfender
Personen. Ohne die Hilfe im Supermarkt, im Schriftverkehr, bei handwerklichen
Verrichtungen, beim Vorlesen und in vielen anderen Situationen sind die Herausforderungen
nicht zu bewältigen. Die Abhängigkeit zu anderen Menschen beeinflusst
das Selbstwertgefühl. Eigenständig und selbstbestimmt anstehende
Aufgaben zu erledigen und dabei positive Erfahrungen machen erhöhen die
Lebensqualität und den Selbstwert. Um Abhängigkeiten gering zu halten,
ist der Rückzug eine große Gefahr.
Begrenzungen liegen auch in den Berufsmöglichkeiten, die blinden und
sehbehinderten Personen offen stehen. Im handwerklichen Bereich beschränken
sich die Tätigkeitsfelder auf Besen- und Bürstenbinder, Korbflechter
oder im Montieren einfacher Gegenstände. Größer sind die Beschäftigungsmöglichkeiten
in den von Computern dominierten Berufen. Leider sind die blindenspezifischen
Entwicklungen der Computertechnik der Öffentlichkeit nur unzureichend
bekannt. Mit Hilfe einer Braillezeile und der Sprachausgabe ist der Blinde
hier ebenso schnell wie der Sehende.
